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Frühjahrssemester 2012 ETH-Zürich

Politische Repression und Korruption als literarische Themen in der arabischen Welt.

Literatur schreibt auf ihre Weise Geschichte. Sie kann auch Prophezeiungen enthalten, die aber im Regelfall erst retrospektiv als solche wahrgenommen werden. Denn Literatur ist - nein, nicht Spiegel der Gesellschaft, sondern - ein Seismograf. Von diesem werden nicht nur die grossen Schwankungen wahrgenommen, sondern auch die leisesten Erschütterungen, Störungen, Unruhen, die irgendwann einmal zum vernichtenden Beben führen können. Das macht die Lektüre von Belletristik zu einem Muss für alle, die einen Einblick in Gesellschaften suchen, ihre Freuden und ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihre Befürchtungen, ihre Blicke auf sich selbst und auf andere. Für ein gründliches und umfassendes Verständnis der bundesdeutschen Gesellschaft in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Kenntnis des Werkes von Heinrich Böll, Günter Grass und Martin Walser ebenso unverzichtbar, wie diejenige des Werkes von Philip Roth, John Updike und Toni Morrison für das Verständnis der amerikanischen Gesellschaft.
Auch die arabische Literatur besitzt ihre "Chronisten". Einer von diesen, der Ägypter Sonallah Ibrahim, bezeichnete einmal boshaft und gleichzeitig sehr ernsthaft das Gefängnis als das umfassendste Symbol arabischer Einheit. Die Omnipräsenz dieses Symbols in Form real existierender Einrichtungen hat es zwangsläufig zu einem der am häufigsten behandelten literarischen Themen gemacht. Es ist aufs engste mit der staatlichen Korruption verknüpft, da es als Instrument der Repression zum Ausbau und zur Erhaltung der Korruption unabdingbar ist.
Bei der Korruption geht es nicht "nur" um die unlautere Anhäufung von materiellem Besitz, sondern besonders auch um die Doppelzüngigkeit der Verantwortlichen, den doppelten Standard in allen gesellschaftlichen Bereichen.
Beim Gefängnis geht es nicht "nur" um den längeren oder kürzeren Aufenthalt eines Individuums und die Auswirkung auf seine persönliche Umgebung, sondern auch um die Angst vor dem Gefängnis (Bedrohung) und das Trauma danach (Erinnerung). Das Gefängnis als Erlebnis und Vorstellung hat das Leben Zehntausender Araber und Araberinnen bestimmt und zerstört. Nicht wenige Literaten haben darüber geschrieben.

 
 
 
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